/home/strato/http/premium/rid/57/08/59255708/htdocs
18 Nov '19

Bei fast jedem Einsatz wird gegafft

Sie halten Mitten auf der Straße an, um ihr Handy zu zücken und Fotos vom Verkehrsunfall zu machen, missachten Absperrungen: Gaffer behindern immer häufiger die Arbeit der Polizei, der Feuerwehr und des Rettungsdienstes. Schaulustigen drohen deshalb zukünftig härtere Strafen. Das hat die Bundesregierung beschlossen. Auch in Lippstadt müssen Retter mit Gaffern umgehen.

„Gaffen kann durchaus als Problem bei Polizeieinsätzen angesehen werden“, schildert Holger Rehbock, Sprecher der Kreispolizeibehörde Soest, die Erfahrungen seiner Kollegen. Und auch die heimischen Feuerwehrleute stellen fest, dass „bei fast jedem Einsatz Gaffer zu finden sind“, berichtet Christian Dicke, Sprecher der Feuerwehr Lippstadt. Dabei gebe es solche und solche: „Störer stören den Einsatz, indem sie belästigend und aufdringlich versuchen, etwas zu sehen, zu filmen oder zu fotografieren“, so Dicke. „Nicht-Störer tun dies auch, allerdings aus sicherer Entfernung – was vermutlich in der natürlichen Neugier des Menschen liegt.“ Bei 99 Prozent der Einsätze sei mindestens eine dieser Zielgruppen vertreten.

Menschen, die ihre Neugierde befriedigen wollen, behindern allerdings nicht nur die Arbeit der Einsatzkräfte, indem sie zum Beispiel Rettungswege blockieren. Sie bringen sich teilweise auch selbst in Gefahr, indem sie Absperrungen rund um den Einsatzort ignorieren. So geschehen ist es zum Beispiel kürzlich beim Feuereinsatz beim Grillimbiss Rhodos in der Cappelstraße. Statt einen kurzen Umweg in Kauf zu nehmen, ignorierten Passanten die Absperrung, um zum Beispiel mit größter Selbstverständlichkeit und in aller Ruhe ihr dort abgestelltes Fahrrad zu holen oder auf kürzestem Weg zum Bahnhof zu gelangen. „Die Personen sind von uns angesprochen worden, zeigten sich nicht einsichtig und waren nicht bereit, einen Umweg, der nur zwei Minuten länger gedauert hätte, hinzunehmen.“

Es ist nicht das erste Mal: Bei den Großbränden im Gewerbegebiet Am Wasserturm 2018 habe sich bereits gezeigt, „dass lückenlosen Absperrungen eine immer wichtigere Bedeutung zukommt“, so Rehbock. „Für die Absperrung des Einsatzortes sind somit regelmäßig viele Kräfte erforderlich.“

Übertreten Gaffer an Einsatzorten die Grenzen, versuchten die Einsatzkräfte „zunächst sachlich und ruhig an den gesunden Menschenverstand zu appellieren“, so Rehbock. „Werden derartige Hinweise ignoriert, kommt es nicht selten vor, dass weitere polizeiliche Maßnahmen angedroht werden müssen.“ Denn nicht immer sei das nötige Unrechtsbewusstsein vorhanden. Es komme auch immer wieder vor, dass Einsatzkräfte der Feuerwehr durch die Polizei unterstützt werden müssen, da Anordnungen der Feuerwehr ignoriert und nicht ernst genommen werden, so Rehbock. „Gaffer reagieren zum Teil uneinsichtig und können es leider nicht nachvollziehen, wenn man sie darauf anspricht“, bestätigt Christian Dicke. „Die Mitmenschlichkeit und das Verständnis für die Arbeit der Feuerwehr und des Rettungsdienstes wird leider oft hinter die eigenen Interessen gestellt.“ Das spiegele sich auch im Umgang mit den Rettern wider. Das Stichwort: respektvoller Umgang.

Um Gaffern nicht erst die Chance zu bieten, richten sich die Einsatzkräfte bereits beim Aufbau von Absperrungen auf entsprechende Situationen ein, so Rehbock. „Einsatzkräfte müssen in der heutigen Zeit hinsichtlich Gaffern wachsam sein.“ Gerade bei Verkehrsunfällen mit Verletzten oder Toten sperre die Polizei Einsatzorte „weiträumig ab“. Sichtschutzelemente – sogenannte Gafferwände – gebe es im Kreis Soest derzeit nämlich noch nicht, auch wenn sie vor allem bei Unfällen „immer Sinn machen“. Auch die Feuerwehr Lippstadt besitzt keine Sichtschutzwände.

Die Einsatzkräfte appellieren in diesem Zusammenhang an den „gesunden Menschenverstand“ der Bürger: „Sie sollten emphatisch reagieren und den Anweisungen der Einsatzkräfte Gehör schenken“, so Dicke über das richtige Verhalten an einem Einsatzort. Dazu gehöre auch, nicht zu fotografieren und zu filmen.

Kein Kavaliersdelikt

Gaffen ist kein Kavaliersdelikt: Unfalltote mit dem Handy zu filmen oder zu fotografieren soll künftig mit Geldbußen und Freiheitsstrafen von bis zu zwei Jahren bestraft werden. Das hat die Bundesregierung jetzt beschlossen. Bislang schützte das Strafrecht nur lebende Menschen vor entwürdigenden Bildern. „Gaffer, die Verletzte und verunglückte Fahrzeuge fotografieren oder filmen, müssen mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren oder mit einer Geldstrafe rechnen. Es ist dabei egal, ob die Aufnahmen weitergegeben oder veröffentlicht werden. Was zählt, ist allein die Anfertigung, die laut Strafgesetzbuch „die Hilflosigkeit einer anderen Person zur Schau stellt“, weiß der ADAC. Unter Strafe steht es außerdem, an einem Unfallort andere Hilfeleistende, zum Beispiel Rettungskräfte, zu behindern. „Wer bei Unfällen oder Situationen, in denen andere Menschen in Not sind, keine Hilfe leistet, wird mit einer Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr oder einer Geldstrafe bestraft“, so der ADAC.

Quelle: Der Patriot - Lippstädter Zeitung