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20 Jul '17

Crash Kurs NRW: „Das war ein scheiß Bild für uns“

Beim Crash Kurs NRW sollen Jugendliche in Rüthen und Warstein zu mehr Vorsicht im Verkehr sensibilisiert werden – mit einer traurigen Geschichte.

Es war eine ganz normale Nacht für den Polizeibeamten Willi Helmig. Einige Ruhestörungen, ein oder zwei Auseinandersetzungen, glatte Straßen, eine Einweisung, weil jemand verrückt spielte. Eine normale Nacht am 16. November 2010, die bald zu einer Nacht werden würde, die Polizist Willi Helmig und die Seelsorgerin Heike Gösmann nie wieder vergessen würden. Eine Nacht, die regelmäßig im Crash Kurs NRW vor Schülern aus Rüthen und Warstein rekapituliert wird, weil sie aufschreckt – und für Vorsicht im Verkehr sensibilisieren soll.

Ein Arm, der aus der Windschutzscheibe baumelte

„Wir wurden gegen Mitternacht gerufen. Als wir ankamen, sahen wir drei Autos, über 100 Meter verteilt. Ein Sportwagen lag im Straßengraben. Auf der Straße stand ein Suzuki. Am anderen Rand der Straße lag ein Fiat Punto. Ein alter Mann stand neben der Beifahrertür des Suzuki. Ihm ging es augenscheinlich gut. Seine Frau kam nicht allein aus dem Auto, weil ihre Beine und Hüfte gebrochen waren. Wir sind direkt weiter zum Sportwagen. Ein junger Mann, verletzt, aber er lebte. Als ich zum Fiat Punto herüberschaute, habe ich einen Arm aus der Windschutzscheibe baumeln sehen.“ - Willi Helmig

Wrackteile wie bei einem Flugzeugabsturz

„Ich hatte gerade meinen Hund angeleint. Ich gehe abends immer mit den Nachbarn eine Runde. Wir Seelsorger haben immer einen Pieper, wie die Einsatzkräfte ihn haben. Der hat gepiept. Darauf wurde nach einem Seelsorger verlangt. Es gab einen Toten wurde auch gesagt. Ich habe meinen Hund direkt wieder reingeschickt und bin losgefahren. Zusammen mit einem weiteren Kollegen. Er war sehr nervös, weil es sein erster Einsatz außerhalb von geschützten Wänden war. Als wir dann an der Unfallstelle ankamen, hat er spontan gesagt: ‘Das sieht aus wie ein Flugzeugabsturz. Diese ganzen Wrackteile!’“ - Heike Gösmann

Irgendwie haben ihre Hände sich danach berührt

„Die Einsatzkräfte haben den jungen Mann aus dem Fiat Punto herausgeschnitten, haben angefangen zu reanimieren. Irgendwann hat einer von ihnen nur noch den Kopf geschüttelt. Wir haben dann ins Auto reingeschaut und im hinteren Teil haben wir blonde lange Haare gesehen. Die Einsatzkräfte haben versucht, die Freundin des Fahrers zu reaniemieren. Aber auch sie war tot. Irgendwann lag dieses junge Paar auf dem nassen Acker. Und irgendwie haben sich ihre Hände danach berührt. Das war ein scheiß Bild für uns. Wir haben sie dann identifiziert. Sie hießen Thomas und Jessica.“ - Willi Helmig

Eine gespenstische Atmosphäre

„Die Atmosphäre war gespenstisch. Der Vater des Sportwagenfahrers war vor Ort, und ihr könnt euch vorstellen, wie er sich fühlte. Er wollte nicht von uns begleitet werden, das haben wir akzeptiert. Wir sind dann zu Jessicas Familie gefahren. Es ist so: In dem Moment, in dem wir auf eine Klingel drücken, reißen wir einer Familie den Boden unter den Füßen weg. Nichts ist danach noch so wie zuvor. Wir haben im Wohnzimmer von Jessicas Eltern gesessen, Jessicas Oma war auch da. Ich will ihre Privatsphäre schützen, aber die meisten reagieren wütend, können es nicht verstehen, sie schreien oder verstummen. Das sind Situationen, die Eltern nicht aushalten können. Ich war mal bei einer Mutter, die ihrem Kind in den Tod folgen wollte. Unser Job ist es, das zu verhindern. Wir saßen noch lange mit Jessicas Eltern zusammen, haben Nachrichten und Zettel von ihr vorgelesen. Das waren tröstende Momente. Wir sind um Mitternacht gefahren, haben viel im Auto geredet, um das zu verarbeiten.“ - Heike Goesmann

Zu schwer verletzt, um zur Beerdigung zu gehen

„Der Sportwagen fuhr 140 Kmh, bei 70. Er überholte den Fiat Punto, krachte mit dem Suzuki zusammen. Er überlebte. Jessica und Thomas nicht. Der alte Mann auch nicht. Seine Frau war so schwer verletzt, dass sie nicht zu seiner Beerdigung gehen konnte. Bitte, passt auf!“ - Willi Helmig

Quelle: Westfalenpost / Jana Naima Fischer

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