09 Mai '12

Erste Hilfe für die Seele

An sich will keiner von uns eine solche Aufgabe übernehmen, sich befassen mit Lebenssituationen, die durch Worte kaum zu beschreiben, eigentlich gar nicht vorstellbar sind.

Sich mit dem Tod nicht nur beschäftigen, sondern ihm gegenüberstehen. Und das in seiner Freizeit, informiert über das eigene Handy, hingefahren zum Einsatzort mit dem eigenen Auto, ausgefüllt und ausgelebt als Ehrenamt.

Von einem solchen Einsatzort kommen Heike Gösmann (Foto li.) und Marianne Sternberg (Foto re.) gerade wieder. Wobei in ihrem Fall häufig Einsatzort auch Tatort heißt – immer dann, wenn die Todesursache zunächst unklar ist.

Die beiden sind Notfallseelsorgerinnen. Also die, die bleiben, wenn die Polizei eine Todesnachricht überbracht hat. Die Angehörige, Betroffene stützen, im eigentlichen und im übertragenen Sinne. Zwei lebenslustige Frauen stehen da vor uns, beide lachen, die Sonne scheint, fast wirken sie ein wenig aufgedreht. „Das ist eine wichtige Art, sich abzulenken, das Geschehen eben zu verarbeiten“, sagt Heike Gösmann. Die Betriebswirtin hat vor elf Jahren hier am EVK Lippstadt eine Ausbildung zur Rettungssanitäterin absolviert und sich später noch einen weiteren Lebenswunsch erfüllt, indem sie sich zur Notfallseelsorgerin ausbilden ließ.

Acht Monate Theorie, zwei Jahre Praxis als Praktikant schließen sich in der eigenen Freizeit, nach dem Feierabend an. Aber kann man lernen, wie man reagiert, wenn der plötzliche Kindstod eintritt? Wenn ein Unfall einen oder mehrere Menschen aus der Familienmitte reißt, wenn ein Großbrand Hab, Gut und Angehörige vernichtet? Doch, das sei erlernbar. Sagen die beiden, und so schnell, wie das Lachen in ihre Gesichter huscht, so schnell ist es auch wieder eingetauscht gegen eine ernste Miene.

Es gehe darum, Rituale zu erlernen, zu wissen, wo und wie man als Erstes gebraucht werde. Es geht also vor allem um eine Erste Hilfe für die Seele, um die sich Heike Gösmann von der Feuerwehr Lippstadt und Marianne Sternberg vom Malteser Hilfsdienst Geseke gemeinsam mit neun anderen Notfallseelsorgern im Altkreis Lippstadt kümmern. Marianne Sternberg kennt sich aus mit dem Hängen des Lebens am seidenen Faden.

19 Jahre lang hat sie im EVK Lippstadt gearbeitet, die meiste Zeit davon als Schwester auf der Intensivstation. Kaum etwas also, was ihr fremd ist, wenn es um Schicksalsschläge, um die dunkle Seite des Lebens geht. Heute ist sie selbstständig, meldet selber ihre Freizeiten an, die dann in dem Dienstplan der Notfallseelsorge Beachtung finden.

Einen Monat vorher weiß sie so, wann sie den Pieper, den Funkmeldeempfänger nicht aus den Augen lassen darf. Schlägt der an, dann steigt das Adrenalin. Steht dann noch auf dem winzigen Display, dass es sich um einen Einsatz mit Kindern handelt, dann schnürt sich auch beim Spezialisten für solche Einsätze die Kehle zu. Am Einsatzort aber keine Spur davon.

Ganz gleich, ob an der Unfallstelle auf der Autobahn, ob beim Großbrand, oder am Kinderbettchen, das plötzlich leer bleibt. Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienst fordern die Helfer in Violett an. Bei Suizid und Missbrauch in der Familie, bei Arbeitsunfällen und erfolglos gebliebenen Reanimationen. Eben ging der Melder, gestern auch.

Es ist kein ehrenamtlicher Dienst, der selten in Anspruch genommen wird. Im vergangenen Jahr sind die Notfallseelsorger im Altkreis Lippstadt 78-mal alarmiert worden. Der Einsatz läuft nie nach dem gleichen Schema ab, es gibt keine Routine. „Es ist immer eine extreme Ausnahmesituation, etwas, das man sich eigentlich nicht vorstellen möchte.

Die Grenzen der seelischen Belastbarkeit werden bisweilen erreicht“, sagt Heike Gösmann. Die Notfallseelsorger bringen neben ihrer hoch professionellen Ausbildung, der vielen Erfahrung vor allem eins mit: Zeit. „Wenn Angehörige allein in ihrer Wohnung, in der gerade das Kind, der Partner verstorben ist, auf Freunde oder Familienmitglieder warten, dann bleiben wir“, erzählt Marianne Sternberg.

Wenn es gut tut, auch stundenlang. Und am Ende entscheiden sie: kann ich den Betroffenen jetzt alleine, im Kreis seiner Familie lassen? Oder braucht er doch ärztliche Hilfe?

Wer sich mit den beiden unterhält, der erfährt keine Details. Der Einsatz eben? Etwas mit einem Unfall? Wo, wer, was? Wird nur mit einem leichten Kopfschütteln quittiert, denn wo die Details beginnen, startet die Schweigepflicht. Wichtig ist aber auch der Selbstschutz. All das nicht zu nah an sich heran lassen, auch wenn es sowieso tief unter die Haut geht.

Wie man mit solchen Geschehnissen, mit den Tränen, dem Schreien, der Verzweiflung, manchmal auch der Aggression umgehe, die schon mal entgegenschlage? „Wir sind sehr gut ausgebildet“, sagen die beiden und ruhen in sich selbst. Das Team fange auf, sofortige Supervision ist jederzeit möglich, Psychologen stehen bereit, um den aufzufangen, der eben gerade genau das anderen geboten hat.

Einmal im Monat treffen sich die, die dem Klang nach christlich motiviert unterwegs sind. Und das stimme auch, in Teilen. Erklären die beiden und wollen doch vor allem eins nicht: missionieren, den Glauben in den Vordergrund stellen. Wer mag, der kann mit ihnen beten. Wer es nicht mag, der erfährt die gesamte Palette der Hilfe, nur die religiöse wird einfach ausgeblendet.

Was die beiden motiviert, sich so einzusetzen, so viel von sich zu geben? Schwer zu sagen. „Da kommt ja unheimlich viel an Dankbarkeit zurück. Das ist Antrieb genug“, erzählt die ehemalige Intensivschwester. Es hat wohl viel mit Nächstenliebe zu tun, auch etwas damit, „sich vorzustellen, wie das wäre, wenn man selber Betroffener wäre. Da hätte ich auch gerne jemanden zum Anlehnen. Und wenn ich mir das wünsche, sollte ich das dann nicht auch ermöglichen“, fragt Heike Gösmann zurück.

Es ist ein Gefühl aus Hochachtung und Gänsehaut, das dem widerfährt, der sich mit den beiden unterhält. Der sich anhört, wie sie darüber nachdenken, wie es ist, wenn sie mal zu einem Betroffenen gerufen werden, den sie kennen. Wenn das Unglück in der Nachbarschaft stattgefunden hat. „Ich würde mich vom Dienst freistellen lassen, eine Kollegin, einen Kollegen bitten zu fahren“, stellt Heike Gösmann klar. Irgendwann drohen selbst ihre dicken Grenzen brüchig zu werden - und als Betroffener kann man dann nicht mehr Helfer sein.

Nach dem Einsatz geht es für beide meist erstmal raus in die Natur. Durchatmen, den Kopf freibekommen. Beim Spazierengehen, beim Mountainbikefahren. Verdrängen? „Kannst du das eben Gesehene sowieso nicht. Also setzt du dich besser damit auseinander, damit du auch damit abschließen kannst“, rät Heike Gösmann sich und anderen.

Längst hat sie auch die Ausbildung neuer Kollegen übernommen, nimmt die im sogenannten Huckepack-Verfahren mit, die sich auch vorstellen können, in solch Extremsituationen zu helfen, menschlicher Beistand zu sein. Beide haben auch noch eine andere Art, das Geschehene noch einmal durchzuarbeiten, gar zu erzählen. „Wir haben beide einen Hund. Die hören gut zu, die erzählen nichts weiter. Die sind perfekt für das Einhalten der Schweigepflicht“, berichten die beiden. Und da ist es wieder, das ansteckende Lachen. Das spätestens beim nächsten Auslösen des Melders wieder schlagartig verschwunden sein wird.

Text und Fotos: Tobias Heyer (\"lesen-hoch5\", für den Valeo Verbund)

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