28 Apr '12

„Trefft eine Entscheidung“

Lautes Geschnatter hallt durch das Foyer des Lippe-Berufskollegs in Lippstadt.

Die Schüler laufen durcheinander, suchen sich einen Platz neben ihren Freunden. Sie erzählen und lachen miteinander, machen einen ausgelassenen Eindruck. Eine Szene an einem Morgen, wie sie sich dort tagtäglich zuträgt. Als Rettungsassistent Dirk Behrens das erste Foto an die Leinwand vor ihnen projiziert, wird es schlagartig still im Raum - auch bei unserer Mitarbeiterin Henrike Raestrup (23), die ihre Eindrücke im folgenden Artikel schildert.

Zwar zeigt das Bild auf der Leinwand nur einen Melder eines Rettungsassistenten, doch der Text und die dazugehörige Erläuterung lassen nicht nur bei mir das Kopf-Kino anspringen: „Verkehrsunfall mit eingeklemmter Person“ heißt es nüchtern auf dem Melder. Die Realität hatte wieder einmal einen jungen Fahrer eingeholt, für den die Rettungskräfte um Dirk Behrens nichts mehr tun konnten.

Obwohl Verkehrsteilnehmer im Alter zwischen 18 und 25 Jahren lediglich acht Prozent der Bevölkerung ausmachen, gehen 19 Prozent aller Unfälle auf ihr Konto, heißt es im Informationsflyer der Polizei NRW. „Crash Kurs NRW“ nennt sich das Präventionsprogramm, das nun helfen soll, dieser Risikogruppe die Folgen eines unbedachten oder aggressiven Fahrens vor Augen zu führen.

Das Programm, das seit etwa einem Jahr existiert, war am Mittwoch bereits zum zweiten Mal im Lippe-Berufskolleg in Lippstadt zu Gast. Akteure der Veranstaltung sind Polizisten, Sanitäter und Seelsorger. Sie machen die Situation an einem unmittelbaren Unfallort mit ihren Vorträgen greifbar und lassen sie erschreckend real wirken. Auch ein Vater berichtet, der vor einigen Jahren seine Tochter bei einem Verkehrsunfall verlor.

„Realität erfahren. Echt hart“ lautet der Untertitel des Programms, an dem ich an der Seite der Schüler teilnehme. Mitten unter ihnen sitzend, sehe ich, wie sich ihre Reaktionen im Laufe der Vorträge verändern. Albern ist zu diesem Zeitpunkt niemand mehr. Zu schrecklich sind die Erzählungen und die Bilder der Referenten.

Da ich mich als 23-Jährige selbst in der Risikogruppe befinde, kann ich gut nachvollziehen, was in ihren Köpfen vorgeht. Was sonst durch Fernsehbeiträge oder Zeitungsartikel weit entfernt scheint, wird durch die Schilderungen der Beteiligten unfassbar greifbar. Es sind Unfälle, die nicht in der Schweiz oder Amerika passieren, auch nicht in Berlin oder München. Diese Unglücke ereignen sich auf der B1 zwischen Erwitte und Eikeloh oder auf der Straße zwischen Stirpe und Lippstadt. Sie geschehen unmittelbar vor unserer Haustür, und es könnten Freunde oder Verwandte sein, denen das widerfahren ist.

Doch es sind nicht nur die Schüler, denen das Ganze nahe geht. Auch die Stimmen der Referenten zittern zuweilen, wenn sie beispielsweise davon erzählen, wie es war, als sie den Angehörigen diese traurige Nachricht überbringen mussten. Vor allem wenn es, wie sie sagen, Unfälle sind, die vermeidbar gewesen wären. Überhöhte Geschwindigkeit, riskante Überholmanöver oder Alkohol am Steuer: auf diese Ursachen können die Fahrer selbst Einfluss nehmen.

„Trefft eine Entscheidung!“, beendet Werner Bielawa von der Polizei Lippstadt seinen Vortrag und appelliert damit an die Fahrer, ihr Glück, mindestens zu einem Teil, in die eigene Hand zu nehmen und vorsichtig zu fahren. Auf mich jedenfalls haben sowohl Bilder als auch Schilderungen gewirkt. Wenn ich beim nächsten Mal einen etwas langsameren Wagen vor mir habe, werde ich mir zweimal überlegen, ob es die geringe Zeitersparnis wert ist, das Risiko eines Überholvorgangs in Kauf zu nehmen.

Fotos und Text: H. Raestrup / Der Patriot

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